Abitur Sommersemester 2016

 

champgne.jpgEs ist wieder soweit, drei "lange" Jahre sind vorüber und das Ruhr-Kolleg verabschiedet sich von der Abiturientia des Sommersemesters 2016 in einer feierlichen und unterhaltsamen Stunde in der Aula des Ruhr-Kollegs.

 

 

 

 

 

 

 

 

Abitur 2016

die Leistungskurse:

Abitur 2016

 

 

Abitur 2016

 

Abitur 2016

 

Michael Lönz

Vom Sinn und Unsinn schulischer Bildung.

Rede zur Abiturientenverabschiedung des Sommersemesters 2016

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

heute werden Sie Ihre Zeugnisse der „Allgemeinen Hochschulreife“ entgegennehmen. Einige von Ihnen werden sich aus diesem Anlaß wieder einmal fragen, warum Sie vor einem klar definierten Ziel, sagen wir einem Studium der Rechtswissenschaften, einen Wust dafür und für das weitere Leben scheinbar völlig unnützen Wissens und Könnens erwerben mußten. Oder, wie es eine kölner Schülerin unlängst twitterte: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“. Gut, mit Steuern und Miete mußten Sie sich schon in ihrem Leben vor dem Kolleg auseinandersetzen und haben das in der Regel ohne die Hilfe und Vorbereitung einer Schule gemeistert, aber die subjektiv empfundene mangelnde Studien- und Alltagsrelevanz so manchen Unterrichtsstoffes haben auch Sie nicht nur einmal angemerkt. Damit haben Sie in der Beschreibung der erlebten Wirklichkeit richtig gelegen, denn, wie schon Seneca zu Recht bemerkte: „Non vitae, sed scholae discimus“ – „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“. Aber, so möchte ich nun anmerken, das ist auch gut so, und damit eine andere Wertung vornehmen als die, die die meisten von Ihnen oder der Großteil der öffentlichen Meinung bis hin zur schulministeriellen Bürokratie und Hausspitze mit dieser Äußerung intendieren. In der Schule geht es darum, für die Schule zu lernen, und das hat seinen legitimen Grund.

"Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht."  [Sudelbücher Heft J (860)]. Der dies sagte, war seit 1770 Professor für Physik, Mathematik und Astronomie an der hannoverschen Landesuniversität Göttingen, ab 1780 Lehrstuhlinhaber für Physik daselbst (wozu damals auch die Chemie zählte); er gehörte zu den führenden Naturwissenschaftlern seiner Zeit und wurde zum Mitglied vieler wissenschaftlicher Gesellschaften berufen, so auch der Royal Society in London, einer der wohl berühmtesten Naturwissenschaftlervereinigungen der Welt, deren Bedeutung sich u.a. daran bemessen läßt, daß sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter der Präsidentschaft Isaac Newtons oder in der zweiten Hälfte des 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert Lord Kelvins und Lord Rutherfords stand. Er steht am Anfang der großen göttinger Tradition der Mathematik und Naturwissenschaften, die diese Universität vor 1933 zu deren weltweitem Zentrum gemacht hat. Sein Name war Georg Christoph Lichtenberg. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war Lichtenberg seinem oben geäußerten Anspruch entsprechend  aber auch schriftstellerisch tätig und verfaßte Aphorismen, wie den zitierten, oder Essays über das Theatergeschehen seiner Zeit.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil es eng mit dem Abschnitt Ihres Lebens zusammenhängt, den Sie mit heutigen Tage beenden. Die Schule, die Sie mit dem heutigen Tag verlassen, sollte Sie nämlich davor bewahren, die Welt eindimensional, nur durch die Brille einer z.B. empirischen Sichtweise zu erfassen. Deshalb verlangte sie von Ihnen, sich in unterschiedlichen Fächern zu bewähren. Indem Sie soviel „Nutzloses“ für die Schule lernten, entwickelte sich bei Ihnen im Gelingensfall eine mehrdimensionale Weltsicht.

Zu welchen Kuriositäten eine einseitige Weltsicht führen kann, möchte ich Ihnen noch einmal an meiner „naturalistischen“ Lesart von Goethes Gedicht „Wandrers Nachtlied II“ deutlich werden lassen. Sie erinnern vielleicht den Text des kurzen Gedichtes:

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Nun also meine, von Georg Kreisler angeregte, „naturalistische“ Lesart des Gedichts, die einigen von Ihnen vielleicht noch gegenwärtig ist, weil sie auch ein Standardbeispiel meines Unterrichts darstellt:

Über allen Gipfeln ist Ruh                                          -              keine Tiefflieger

In allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch -              Windstärke 0,5

Die Vögelein schweigen im Walde                          -              Zustand nach Giftgasangriff

Warte nur, balde ruhest Du auch                            -              schade um Dich, denn Du hast Deine                                                                                                                  Gasmaske vergessen.

Sie, die sie wissen, daß man dieses Gedicht auch und besser anders verstehen kann, haben sich damit eine Welt erschlossen, die Ihnen auch dann nicht verloren geht, wenn Sie sich nur noch mit Reagenzgläsern beschäftigen, dann sie aber immer daran gemahnen kann, die Welt des Reagenzglases nicht zu verabsolutieren. Sie werden vielleicht nie mehr ein Gedicht interpretieren, aber Sie wissen aus diesen Gedichtinterpretationen, daß die Welt größer als jede Lesart ihrer Beschreibung ist. Ähnlich verhält es sich mit der Mathematik. Viele von Ihnen werden in ihrem künftigen Leben kein einziges Element des Mathematikunterrichts am Kolleg benötigen; Kurvenscharen und Vektorräume werden Ihren Weg nicht mehr kreuzen. In einer mathematisierten Welt wie der unsrigen ist ein Bewußtsein von den Möglichkeiten und der Bedeutung der Mathematik jedoch unbedingt vonnöten. Ich hoffe, es wird langsam deutlich, worauf ich hinaus will: Dadurch, daß die Schule von Ihnen so viel und offensichtlich „Unnützes“ zu lernen verlangt, will sie Ihnen ein Bewußtsein von der Komplexität der Welt vermitteln und Sie befähigen, sich in ihr nicht allein auf eine Weise zu orientieren. Allgemeinbildung, das Ziel einer allgemeinbildenden Schule wie des Kollegs,  läßt sich nicht darauf reduzieren, daß Sie bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben. Diese sind zwar nützlich, man kann sie im Bedarfsfalle aber immer und überall nacherwerben. Als ich ein humanistisches, d.h. altsprachliches Gymnasium besuchte, gab es für uns „Anti-Naturwissenschaftler“ – unter anderem, weil zu dieser Zeit ein weitaus ärgerer Lehrermangel in diesen Fächern vorlag als der heute vielbeklagte - nur einen reduzierten Mathematik- und gar keinen Physik- oder Chemieunterricht; das naturwissenschaftliche Denken haben wir allein im Biologieunterricht kennengelernt. Trotzdem sind von meinen Mitabiturienten etliche Ärzte, Ingenieure oder auch Diplom-Physiker geworden. Die entsprechenden mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten haben sie während des Studiums erworben. Dies soll kein Argument gegen die bekanntermaßen nicht allzu populären Fächer „Physik“ und „Chemie“ sein; es wäre sicher sinnvoll gewesen, die naturwissenschaftliche Bildung altsprachlich orientierter Schüler nicht allein dem damit überforderten Biologieunterricht zu überlassen. Denn nur so kann erreicht werden, was wichtig und unverzichtbar ist die Weitung des Horizontes, damit Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten,  im Sinne Lichtenbergs, demnächst die Chemie auch wirklich verstehen können. Ich hoffe, das konnte das Kolleg bei Ihnen leisten, und deshalb war es weder verlorene Zeit noch überflüssige Anstrengung, sich mit deutschen Gedichten der Romantik oder Kurvenscharen auseinanderzusetzen, auch wenn Ihnen dieses spezielle Wissen und Können im künftigen Leben vielleicht nie mehr abgefordert werden wird und Sie seine konkrete Umsetzung deshalb irgendwann vergessen haben dürften. Die dabei erfahrene Bildung ist das, was Ihnen die Schule mitgeben konnte, und diese Bildung ist nicht die Ausbildung einer bloß instrumentellen Vernunft, die als solche bestenfalls als Halbbildung davonkäme.

Damit komme ich zu dem zweiten Aspekt, den ich heute kurz ansprechen möchte. In einem Aphorismus Arthur Schnitzlers heißt es: „Ein Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lange darauf freut“. Doch sollte sich dieser Schmerz heute eher auf unserer, der Lehrerseite konzentrieren. Wir, die Lehrerschaft, das Kolleg verlieren wieder einmal eine Schar erfolgreicher Abiturienten, die sich trotz aller Widrigkeiten des schulischen wie außerschulischen Alltags durch diese drei Jahre gekämpft und sich dabei auch selbst entwickelt haben. Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben dadurch eine neue Freiheit gewonnen, manchmal nicht unbedingt freiwillig und enthusiastisch, aber schon Platon zeigt ja in seinem Höhlengleichnis auf, daß bildendes Lernen weder dauerhaft lustvoll noch zwanglos zu absolvieren ist, auch wenn das der herrschenden Meinung einer mediokren Bildungsphilosophie und –politik widerspricht. Bildendes Lernen ist anstrengend, schmerzhaft und zuweilen gefährlich, aber es lohnt, wie Sie hoffentlich an Ihrer nun gewonnenen neuen Freiheit erkennen mögen. Sie können unter anderem von nun an Wege beschreiten, die Ihnen zuvor verschlossen waren, ein Studium zum Beispiel. Aber das allein wäre zuwenig, um den von Ihnen erbrachten Aufwand zu rechtfertigen. Sie sind jetzt auch etwas anderes geworden, verfügen über etwas, was Sie nie wieder verlieren werden, und das in seinem Kern weit über das hinausragen sollte, was auf Ihrem Zeugnis steht: „Allgemeine Hochschulreife“, vulgo „Studierfähigkeit“. Wenn Sie nur das erreicht haben, haben Sie und haben wir das Ziel verfehlt, wären auf der Ebene des bloß Instrumentellen verblieben. Was ist also das, was Sie erreichen sollten? Ich möchte mit Ludwig Wittgenstein antworten: „Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist)“ (Tractatus 6.54) Sie haben eine qualitativ neue Freiheit gewonnen, eine Freiheit in je eigener persönlicher Qualität, zu der sie das Kolleg geführt hat, die das Kolleg Ihnen aber nie bieten kann. Auf diese, Ihre neue Freiheit trifft zu, was der amerikanische singer-songwriter Kris Kristofferson in seinem wohl berühmtesten Song „Me and Bobby McGee“ singt: „Freedom is just another word for nothing left to loose“. Sie können hier, bei uns am Kolleg, deshalb nichts mehr verlieren, weil es hier nichts mehr für Sie zu gewinnen gibt. Aus diesem Grunde haben Sie auch hier nichts mehr verloren. Und das ist gut so, selbst wenn es mich traurig stimmt. Sie andererseits haben zur Trauer wahrlich keinen Anlaß.