Verabschiedung in den "Unruhestand" von Frau Welzel

Herr Dr. Dieler Frau Welzel

 

 

Abschied Dietlinde Welzel  ( von Dr. Lönz )

Liebe Kolleginnen und Kollegen, aber besonders, liebe Frau Welzel,

der Lehrerrat hat mich gebeten, an seiner Stelle eine Rede zu Deiner Verabschiedung zu halten;  ich hoffe, er wußte, was er tat, als er mir diese Aufgabe übertrug. Denn ich spreche hier nicht „für das Kollegium“, das kann ich nicht, sondern für mich, und hoffe, daß viele Kolleginnen und Kollegen mit mir meine Eindrücke und Empfindungen teilen können.

ἀνερρίφθω κύβος“ zitierte Cäsar, wohlgemerkt auf Griechisch, der Sprache, die er als Alltagsumgangssprache verwendete, den großen griechischen Komödiendichter Menander, als er 49 v.u.Z. den Rubikon überschritt: „der Würfel falle“; erst Sueton machte daraus das allseits bekannte lateinische alea iacta est, „der Würfel ist gefallen“ (Divus Iulius, 31). Hätte ich die Wahl, würde ich heute lieber über das erste, wahre Cäsar-Zitat, als über seine Suetonische Verballhornung reden. Warum? Das wird im Laufe der nächsten Minuten – so hoffe ich – klar werden.

Als ich im Jahre 1984 als junger Lehrer ans Kolleg kam, war vieles anders als heute. Zum Beispiel hatte die Lehrerzimmertür auch von außen eine Klinke, sodaß Studierende jederzeit und ungehindert, barrierefrei, wie man heute sagen würde, hier eintreten konnten; viele Lehrer und Studierende duzten sich gegenseitig, und das Kollegium war, so schien es mir, tief gespalten in zwei ideologisch miteinander verfeindete Gruppen. Daß es auch anders ging, machte mir eine damals noch junge, wenn auch etwas älter als ich seiende Kollegin deutlich, die sich in ihrem Verhalten in mancher Weise von den damaligen Usualitäten abhob. Sie duzte sich zum Beispiel nicht mit den Studierenden, konnte aber so gut wie immer ein vertrauensvolles Verhältnis zu Ihnen aufbauen. Auch Ihr Kleidungsstil, modisch-elegant, alles andere als durchschnittlich, schaffte Distanz, ohne aber distanziert zu wirken. Und schließlich: Sie konnte mit allen Kollegen reden. Das alles imponierte mir. Und es imponiert mir noch heute.

Nun weiß schon der römische Komödiendichter Terenz: Nullum est iam dictum, quod non sit dictum prius– „Es gibt kein Wort mehr, das nicht schon früher gesagt worden ist“ (Eunuchus, 41). Das macht Rückblicke so schwierig. Also bitte ich um Entschuldigung, wenn ich jetzt allzu Bekanntes noch einmal repetiere, aber auch scheinbar weiter aushole, um ein noch genaueres Bild der Lehrerin Dietlinde Welzel zu skizzieren. Dazu möchte ich zunächst einmal fragen: Was macht eine gute Lehrerin / einen guten Lehrer aus? Sicherlich, daß er sein Fachgebiet beherrscht. Aber darüber hinaus? Ein Fachleiter würde jetzt vielleicht sagen: didaktische und methodische Kompetenz. Das mag zwar ganz nützlich sein, aber es wird keinen von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, überraschen, daß ich es für weniger bedeutsam halte. Und auch in Bezug auf Sie, liebe Frau Welzel, kommt mir etwas ganz anderes in den Sinn.

In Museen gibt es das Amt des Kurators, der eine Abteilung der Sammlung, eine Ausstellung o.ä. betreut. Diese Berufsbezeichnung rekurriert weniger auf das entsprechende klassisch-lateinische Wort, das Verwalter oder Vormund bedeutet; es nimmt vielmehr eine anders akzentuierte Bedeutung des zugrundeliegenden Verbes curo auf, das so etwas wie „Sorge tragen“, „sich kümmern“ oder „etwas sich angelegen sein lassen“ ausdrückt. Der Kurator kümmert sich um die Ausstellungsstücke und versucht, sie im schon sprichwörtlich besten Licht wirken zu lassen. Dabei darf er sich nicht vom ersten, schönen Schein täuschen lassen. Seine eigentliche Aufgabe sieht der Kurator in etwas anderem, und dazu möchte ich hier ein Beispiel anführen: Lange Zeit galt der „Jüngling vom Magdalensberg“, eine imposante polierte Großbronze, als eines der bedeutendsten Sammlungsstücke der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien. „1986 erbrachte (aber) ein Forschungsprojekt zur Guss- und Formtechnik des Jüngling vom Magdalensberg ein überraschendes Ergebnis: Die Statue, die als der bedeutendste römerzeitliche Bodenfund im Ostalpenraum gegolten hatte, ist nicht das vermeintliche antike Original, sondern ein Abguss aus dem 16. Jahrhundert“ (W. Seipel (Hrsg.): Kurzführer durch das Kunsthistorische Museum Band V. Meisterwerke der Antikensammlung. Wien 2005. S. 208). In der Neukonzeption der Schauräume der Antikensammlung in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts führte diese Erkenntnis zu einschneidenden Änderungen. Der Kurator rückte die vormals zentral aufgestellte Figur ins Glied, und präsentierte stattdessen den vordem häufig übersehenen, eher unscheinbaren marmornen Torso des Doryphoros, eine antike römische Kopie der hochberühmten, verloren gegangenen Bronzeplastik des Polyklet als einen Mittelpunkt der Sammlung. An ihm kann nun der Besucher wunderbar die Grundlagen griechischer Plastik erfahren. Und der Torso hat endlich die ihm zukommende Würdigung erfahren. Der Kurator seinem Auftrag, sich um seine Ausstellungsstücke angemessen zu kümmern, Rechnung getragen.

Liebe Frau Welzel, Ihr Wirken als Lehrerin erscheint mir in ähnlicher Weise. Sie haben sich nicht vom schönen Schein berauschen lassen, und Sie haben immer versucht, auch die Unscheinbaren, die „weniger Begabten“ ins rechte Licht zu rücken. In Ihrem Mathematikunterricht hatten auch die „Loserbärchen“ eine reelle Chance, verschwanden nicht in der grauen Masse der Unbedeutenden. Sie haben Ihnen die Möglichkeit gegeben, zu zeigen, was in ihnen steckt. Dazu mögen Didaktik und Methodik beigetragen haben, die sorgende Hinwendung zum Studierenden ersetzten sie nicht. Genauso, wie der Marmortorso des Doryphoros nie den glänzenden Eindruck einer polierten Großbronze erwecken kann, so haben viele Deiner Studierenden nicht „geglänzt“. Sie konnten aber zeigen, was die Grundlagen mathematischen Denkens sind, und das vor allem, weil Sie sie ins rechte Licht gerückt haben. Als wirklicher Kurator Ihrer Studierenden haben Sie gewirkt, und das macht in meinen Augen die gute Lehrerin aus. Das heißt nun nicht, daß Sie über alles Negative hinwegsahen. Ein Kurator muß gute und schlechte Kunst unterscheiden können und nicht alles unterschiedslos loben und ausstellen. Wie der Torso des Doryphoros mußten auch für Sie die Arbeit und Leistung der Studierenden eindeutig nachvollziehbaren Qualitätskriterien genügen. Genau aus diesem Grunde sind Sie auch immer in Ihrem Engagement glaubhaft geblieben. Ihnen kann man vertrauen.

Liebe Frau Welzel, Sie haben Dein ganzes Berufsleben – abgesehen von der Referendarzeit – am Ruhr-Kolleg verbracht. Sie bist die letzte, die noch an seiner vormaligen Stätte in der Bärendelle tätig gewesen ist. Sie sind auch die letzte Kollegin, die schon am Kolleg tätig war, als ich hier meinen Dienst angetreten habe. Ihr Ausscheiden markiert damit auch für mich etwas Besonderes: die personelle Kontinuität zum „alten“ Ruhr-Kolleg, zum Kolleg vor meiner Zeit, geht verloren. Im Blick zurück auf die Zeit vor meiner Zeit kann ich jetzt nicht mehr der Dignität der Authentizität huldigen, sondern muß mich um die Wahrheit der historischen Konstruktion bemühen. Das hat auch Vorteile, denn der unverstellte und nicht durch Augenzeugenschaft zensierte historische Blick macht mir, und allen anderen, die noch am Kolleg verbleiben, im Blick auf seine Geschichte deutlicher, was wir verloren und vielleicht auch gewonnen haben. Doch darüber möchte ich hier und heute nicht ausführlich handeln, nur soviel: Das Kolleg heute ist ein anderes als das, in das ich und Sie eingetreten sind; ob ein besseres oder schlechteres, das mögen spätere Generationen entscheiden. Und an diesen Veränderungen haben Sie, liebe Frau Welzel, auch wenn Sie es selbst nicht so sehen, entscheidend mitgewirkt. Sie waren ein ruhender Pol der praktischen Alltagsvernunft, der immer dann dem gesunden Menschenverstand zur Geltung verhelfen wollte, wenn schulpolitische, ideologische oder didaktische Hirngespinste drohten, sich der schulischen Realität zu verweigern, oder persönliche Eitelkeiten dem gemeinsamen Wollen Abbruch zu tun begannen. Ohne Sie wäre diese Schule ein schlechterer Ort zum Leben gewesen. Aus diesem Grunde sind wir Ihnen alle zu Dank verpflichtet.

Nun ist der Würfel gefallen, und Sie gehen. Zu sagen, es wäre besser für uns alle, wenn Sie blieben, zumal der Gesetzgeber Sie noch nicht dazu zwingt, verbietet mir der Anstand und die Achtung vor der Würde derer, die diese Entscheidung getroffen hat. Deshalb wäre es mir lieber gewesen, ich hätte über das originale Cäsar-Zitat handeln können, in dem der Würfel noch nicht gefallen ist. „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so“ (Brecht: Dreigroschenoper). So bleibt mir nur, Ihnen für Ihren Ruhestand mit Cicero das zu wünschen quod est praestantissimum maximeque optabile omnibus sanis et bonis et beatis: cum dignitate otium.“ – „was das hervorragendste und beste für alle Gesunden, Rechtschaffenden und Glücklichen ist: Muße mit Würde“ (Pro Sestio 98). Damit Ihnen das gelingt, sind Sie dem Dichter Horaz gefolgt, der in seiner ars poetica formulierte: Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci (343) – „Den ganzen Beifall errang der, der Lust und Nutzen vereinigte“. Sie werden Ihr Lehrerinnendasein nicht ganz aufgeben, sondern in Zukunft an der Volkshochschule in Mülheim in Kursen, die zum mittleren Bildungsabschluß führen, aus freien Stücken einige Stunden Mathematik unterrichten. Ich hoffe, ja ich weiß, daß Ihnen das Spaß machen wird, genauso wie die Tatsache, daß Sie nun mehr Zeit mit Deiner Familie verbringen können.

Heinrich Heine läßt den berüchtigten Montagnard und Hébertisten zu Zeiten des terreur de la raison und nachmaligen Polizeiminister Bonapartes, Joseph Fouché, sagen: Les paroles sont faites pour cacher nos pensées– „Worte machen wir, um unsere Gedanken zu verbergen“ (Das Buch Le Grand. Kapitel 15). Genau das Gegenteil wollte ich heute. Und um nicht sentimental zu werden, sage ich jetzt nur noch:

Auf Wiedersehen, Frau Welzel!